Steiermärkische Berg- und Naturwacht

Aufklären – Pflegen – Überwachen

Der Baumeister der Flüsse ist wieder da

Vor 150 Jahren war der Europäische Biber in der Steiermark ausgerottet. Von den ehemals 100 Millionen Tieren in den europäischen Gewässersystemen überlebten europaweit nur etwa 1000 Exemplare. Ein Grund des Verschwindens war sein dichtes Fell, welches bei der Herstellung wärmender Mäntel und Jacken Verwendung fand.

Beliebt war auch sein feines Wollhaar, welches bei der Hutherstellung genutzt wurde. Dazu bejagte man den Biber intensiv wegen seines schmackhaften Fleisches und um das sogenannte Bibergeil (Castoreum) zu gewinnen, eine bräunliche, harzartige, fett- und hormonhaltige Substanz, die dem Biber sowohl zur Fellpflege als auch zur Markierung seines Reviers dient. Diesem Bibergeil wurden magische Kräfte nachgesagt und es fand in der Volksmedizin reichlich Anwendung.

Dabei fördert der Biber als Baumeister der Flüsse die Arten- und Lebensraumvielfalt, er erhält Gewässer am Leben, reduziert mit seinen Dämmen die Fließgeschwindigkeit der Flüsse und hebt dabei den Grundwasserspiegel. Biberdämme wirken darüber hinaus wie Filter, die das Wasser reinigen und überschüssige Nähr- und Schadstoffe abbauen. Als „Schlüsselart“ hat er die Fähigkeiten seine Umwelt aktiv zu gestalten und zu verändern. Von seiner Fähigkeit, die Landschaft zu gestalten profitieren zahlreiche andere Arten wie Vögel, Amphibien, Fledermäuse und Fische, aber auch wirbellose Arten wie Libellen, Wildbienen und Käfer. Durch den Bau seiner Dämme ändern sich die Abflusseigenschaften der Gewässer, es entstehen neue, vom Wasser geprägte Lebensräume, die rasch von anderen Tieren und Pflanzen besiedelt werden. Aus ehemals strukturarmen Gewässern entstehen Oasen der Vielfalt. Konflikte Biber-Mensch ergeben sich vor allem in jenen Bereichen der Kulturlandschaft, in denen die mensch­lichen Nutzungen bis an den Rand von Gewässern reichen oder das Gewässer selbst (intensiv) genutzt wird. Auf­grund des landesweit strengen Schutzes nach der FFH-Richtlinie dürfen aber seine Fortpflanzungs- und Ruhestätten nicht beschädigt werden, zudem sind Störungen und Tötungen verboten.

Erfreulicherweise ist seit einigen Jahren das größte Nagetier Europas aufgrund der strengen Schutzmaßnahmen auch in der Steiermark wieder dabei seine ehemaligen Lebensräume zu besiedeln. Die Rückkehr erfolgte dabei über drei Einwanderungswege. Entlang der Raab aus dem Burgenland, entlang der Mur aus Slowenien und entlang der Enns aus Oberösterreich, es gab aber keine Wiederansiedlungsprojekte. Vor dem Hintergrund seiner raschen Ausbreitung in der Steiermark und dem entsprechend rasch steigenden Konfliktpotenzial startet 2017 das Projekt Bibermonitoring-Biberberatung in der Steiermark, welches von der Stmk. Berg- und Naturwacht getragen und fachlich vom Ökoteam-Institut für Tierökologie und Naturraumplanung begleitet und umgesetzt wurde. Projektziele waren im Wesentlichen eine Dokumentation der Arealauswei­tung und Überprüfung bereits bekannter Reviere („Bibermonitoring“), die Einrichtung einer Biberberatungsstelle, bei der Informationen über den Biber eingeholt und Biberbeobachtungen gemeldet sowie Konfliktfälle bzw. Prob­leme mit dem Biber und mögliche Lösungen besprochen werden können („Biberberatung“) und die Entwicklung einer „Steirischen Biberstrategie“. Das Bibermonitoring wurde in den Wintern 2017/18 und 2018/19 durchgeführt. Die Datenaufnahme erfolgte durch speziell geschulte Mitglieder der Berg- und Naturwacht und des ÖKOTEAM. 590 Flusskilometer wurden auf Anwesenheitszeichen des Bibers untersucht. Für die Bestandsschätzung wurde der Biberbestand anhand der durch­schnittlichen Anzahl an Tieren pro Revier hochgerechnet.

Insgesamt konnten in der Steiermark in den Einzugsgebieten von Mur, Lafnitz, Raab und Enns 146 Biberreviere ab­gegrenzt werden. Es handelt sich dabei um 67 Familienreviere und 39 Einzel-/Paarreviere. 40 Revieren konnte kein Status zugeordnet werden. Der geschätzte Gesamtbestand in der Steiermark beträgt rund 530 Tiere.

Im Zuge der Biberberatung wurde eine „Biber-Hotline“ (Bibertelefon: 0660/7170933) eingerichtet, eine umfangrei­che Biberwebsite (www.bibermanagement.at) sowie eine 32 Seiten starken Broschüre über den Biber in der Steier­mark erstellt. Insgesamt wurden an 45 Lokalitäten Beratungen durchgeführt und die Situation vor Ort dokumen­tiert. An zehn Konfliktstellen war es notwendig, die Situation mehrmals zu begutachten. In Summe wurden somit 60 Beratungen vor Ort durchgeführt. Die meisten Beratungen erfolgten im Bezirk Hartberg-Fürstenfeld (23), gefolgt von den Bezirken Südoststeiermark (14), Weiz (6) und Leibnitz (2). Die 45 Lokalitäten verteilen sich auf insgesamt 32 Gemeinden. Bei knapp 50 % der Beratungen waren es Dammbauaktivitäten, die aufgrund des geänderten Ab­flussgeschehens zu Konflikten führten. In fünf Fällen wurden Damm-Manipulationen nach Erteilung einer arten­schutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung durchgeführt. Gründe für die Manipulationen waren Beeinträchtigun­gen von Infrastruktureinrichtungen. An der Lahn bei Ruppersdorf wurde eine Dammdrainage zur Absenkung des Wasserspiegels eingebaut. Das Fällen von Gehölzen und Grabaktivitäten waren mit 26 bzw. 22 % zu ähnlichen Tei­len Grund für Beratungen. Der Fraß von Feldfrüchten, Biber sind reine Pflanzenfresser, spielte bislang nur eine relativ geringe Rolle in der Steiermark. Bei den Konflikt-Kategorien dominierte die Landwirtschaft mit 44 %. Zusätzlich zu den Beratungen vor Ort und der telefonischen Beratung wurden verschiedene Aktivitäten gesetzt, die einerseits der Wissensvermittlung und Be­wusstseinsbildung und andererseits dem Austausch mit verschiedenen Interessensgruppen und Fachkollegen dienten. Dazu zählten z. B. Fachvorträge und Projektvorstellungen, der Besuch von Biber-Tagungen, die Abhaltung von Schulungen sowie die Veranstaltung einer Biberfachtagung in Kooperation mit der Naturschutzakademie Stei­ermark im Bildungshaus St. Martin in Graz am 21. Mai 2019.

Textliche Auszüge aus Komposch, B. (2019): Bibermonitoring und Biberberatung Steiermark sowie Entwicklung einer steirischen Biberstrategie. Juli 2017 bis Juni 2019. Projektbericht im Auftrag der Steiermärkischen Berg- und Naturwacht, ÖKOTEAM, Graz, 25 S.

Exkurs: wie aus dem Biber ein Fisch wurde

Fleisch zu essen war in der katholischen Kirche in der Fastenzeit strengstens untersagt. So bestimmte Papst Gegor I. im Jahr 590, dass warmblütige Tiere nicht mehr auf den Tisch kommen durften. Später kamen noch Butter, Milch, Käse und Eier auf die Verbotsliste. Doch die „Not“ machte die Ordensleute erfinderisch. Das Konstanzer Konzil (1414-1418) legte fest: „Alles, was im Wasser lebt, wird als Fisch gezählt.“ Noch 1754 dozierte der Jesuitenpater Charlevoix: „Bezüglich des Schwanzes ist er ganz Fisch, und er ist als solcher gerichtlich erklärt durch die Medizinische Fakultät in Paris, und im Verfolg dieser Erklärung hat die Theologische Fakultät entschieden, dass das Fleisch während der Fastenzeit gegessen werden darf."

Foto 1: Gottfried Dorfstetter
Foto 2: Dr. Gabriele Leitner
Foto 3: Prof. Mag. Alfred Ertl

Tabelle: Bibernachweise in der Steiermark

23. Oktober 2019

Einladung zum Auftakt des Bildungstages 2020 der Steierm. Berg- und Naturwacht »